Februar 2016

Nähstein, 1880er Jahre 

Aus dem Haushalt der Auller Familie Kadesch / Hirschberger stammt ein in den 1880er Jahren hergestellter, kleiner, aber sehr schwerer „Nähstein“. Im Kaiserreich, als häusliche Textilarbeiten zur Ausbildung und den Alltagstätigkeiten der Frauen und Mädchen gehörten, waren ähnliche Hilfsmittel weit verbreitet. Selten aber hatten sie ein derart massiv und edel gestaltetes Äußeres, wie das vorliegende Exemplar. Der Zweck des Sockels besteht darin, einem steifen Kissen Halt zu geben, während das Kissen selbst als elastische Unterlage für die mit Nadeln festzusteckenden Textilstücke dient. Das Gewicht der Anordnung bietet einen sicheren Widerstand, so dass mit einem Nähstein ohne Verrutschen präzise gearbeitet werden kann. Funktionsbedingt sind nur wenige Anordnungen von Kissen und Stein möglich. Für eine stilistische Ausgestaltung aber gibt es viele Möglichkeiten. Im vorliegenden Fall ähnelt die äußere Erscheinung überhaupt keinem Handarbeitswerkzeug. Sie erinnert eher an einen Altar oder an klassizistische Grabmäler, wie sie etwa auf den alten Friedhöfen in Diez und Limburg zu finden sind. In präziser Steinmetzarbeit wurde der schwere Sockel aus drei Lahnmarmorstücken zusammengefügt: einem glänzenden schwarzen Quader zwischen zwei überstehenden, profilierten Platten aus zweierlei rötlichen Sorten. Die Schauseite des schwarzen Mittelkörpers trägt in vertiefter, golden gefasster Frakturschrift die Initialen W. K. der Eigentümerin Wilhelmine Kadesch. Angesichts der Tatsache, dass schwarzer und anderer Lahnmarmor ein Werkstoff für Grabmäler, so auch für den Sarkophag der Fürstin Amalie, war, wirkt die Materialwahl, verbunden mit der grabmalähnlichen Gestaltung und den Initialen der Besitzerin, auf uns Heutige leicht makaber. Zu seiner Zeit aber zeugte das luxuriöse Erscheinungsbild des Arbeitsgeräts von einer Wertschätzung der weiblichen Handarbeiten und vom Besitzerstolz seiner Eigentümerin. Und nebenbei beweist es eindrucksvoll, dass auch Gegenstände im Kleinformat sehr monumental sein können. Den Nähstein hat freundlicherweise Frau Karla Achenbach, eine Enkelin der einstigen Besitzerin, dem Museum geschenkt.