Archiv

Das Objekt-des-Monats-Archiv zeigt eine kleine Auswahl der Exponate vom Sommer 2010 bis zu den vergangenen Monaten.

Mai 2021
Da es Anfang Mai noch völlig unklar war, ob die öffentlichen Kultureinrichtungen im Mai wieder öffnen durften oder nicht, gab es in diesem Monat kein im physischen Sinne ausgestelltes Objekt. Ersatzweise sollte ein „Objekt“ für die Zukunft geschaffen werden, das geeignet ist, späteren Generationen einen Einblick in unsere Vorstellungen von heute zu geben. Sie alle, wir alle, waren und sin immer noch zur Mitwirkung aufgerufen!
Einer literarischen Mode der Zeit um 1900 folgend, möchten wir Ihnen die Frage stellen, wie unsere Welt in der Zukunft aussehen wird. Der zeitliche Abstand soll aber nicht, wie damals üblich, hundert Jahre betragen, sondern viel kürzer sein. Angesichts des Tempos der Veränderungen in unserer Zeit ist es schon gewagt, eine Prognose für den Abstand einer einzigen Generation abzugeben.
Deswegen heißt die Frage: „Wie wird die Welt in unserer Region im Jahr 2050 aussehen?“ Bitte lassen Sie uns dazu Ihre Gedanken zukommen! Die Form Ihrer Ausführungen wählen sie selbst: kurz oder lang, per E-Mail, auf Papier gedruckt oder handgeschrieben, gesprochen als Tondatei, in Stichworten, als Video oder als Gedicht, mit Absender oder anonym. Hauptsache, sie schicken uns etwas, das halbwegs ernst gemeint und verständlich ist.
Falls Sie nicht wissen, worüber Sie sich äußern möchten, schlagen wir Ihnen einige Fragen vor:
Wie wird ein typischer Tagesablauf im Jahr 2050 aussehen?
Wie spielt sich das Zusammenleben und Familienleben ab?
Was werden die Menschen arbeiten? Auf welcher Art wird bezahlt?
Wie werden wir uns fortbewegen?
Wie werden wir uns ernähren?
Womit beschäftigen wir uns in der Freizeit?
Wie wird die Diezer Region aussehen?
Wie wird sich unsere Sprache entwickeln?
Wie wichtig werden im Jahr 2050 die heute heiß diskutierten Probleme sein?
Welche Rolle wird die Religion spielen?
Wir freuen uns auf Ihre Zusendungen und werden diese sorgsam aufbewahren. Digitale Formate werden gespeichert und zusätzlich ausgedruckt bzw. abgeschrieben. Alles zusammen wird verschlossen und in den städtischen Sammlungen verwahrt mit dem Hinweis, dass es erst ab 2050 geöffnet werden soll.
Wer teilnimmt, bekommt nach dem Ende der Corona-Schließung einen freien Museumseintritt.
Kontakt: Museum im Grafenschloss, Schlossberg 8, 65582 Diez, 06432-507467, leitung@museumdiez.de .
April 2021
Das Bingen-Diezer Goethezimmer, ein Beispiel musealer Goethe-Verehrung
Im frühen 19. Jahrhundert konnte Johann Wolfgang von Goethe auf einen einzigartigen Lebenslauf zurückblicken. Nachdem er sich schon mit den Frühwerken Götz von Berlichingen und Werther einen Namen als Schriftsteller gemacht hatte, waren ihm immer weitere Erfolge gelungen. Seine literarische Weiterentwicklung war wirtschaftlich und gesellschaftlich abgesichert durch eine Stellung als Hofrat in Weimar. Dabei war die Schriftstellerei immer nur ein Teil von Goethes Aktivitäten. Als umfassend Interessierter und Gebildeter wurde er schnell zu einer Kapazität auf den Gebieten der Naturwissenschaften, Künste, Musik, Philosophie und Geschichte. Er beherrschte mehrere alte und moderne Sprachen, reiste viel und strebte, wie sein Protagonist Faust, nach einer umfassenden Durchdringung der Welt. Wie kein anderer war Goethe Leitfigur eines in der europäischen Kultur verwurzelten geistigen Deutschlands in einer Zeit, als es Deutschland als Staat noch nicht gab.
Goethe war eine Berühmtheit ersten Ranges, als er Mitte August 1814 in Mainz logierte und mit seinen Gastgebern einen Ausflug zum Rochusfest bei Bingen unternahm. Das feuchtfröhliche Volksfest wurde von einem Gewitter überrascht, sodass Goethes Gesellschaft durchnässt im Binger Hotel Zum weißen Ross Zuflucht suchte und dort warten musste, bis die Kleider wieder getrocknet waren. Das Zimmer, in dem Goethe bei diesem Besuch und im Folgejahr untergebracht war, erhielt unter dem späteren Besitzer des Hotels, Reifenstein, den Namen Goethezimmer. Es wurde durch die Ausstellung von Erstausgaben von Werken Goethes, Bildern und Gegenständen zu einem Goethemuseum umgestaltet. Seine Möbel wurden wie Berührungsreliquien verehrt. In den 1920er Jahren zog Reifenstein nach Diez und schenkte der Diezer Sammlung die Möbel des Goethezimmers.
Ein Brief eines unbekannten Absenders an Reifenstein aus dem Jahr 1909 erzählt die Begebenheit des Goethe-Besuchs auf dem Rochusfest.
 
März 2021
Schallplattenaufnahme für eine Rundfunksendung, um 1934, hier als Audiodatei zu hören
Bei der Sichtung von Archivalien der Sammlungen der Stadt Diez ist kürzlich eine alte, zerbrochene und beriebene Schallplatte besonderer Art zum Vorschein gekommen. Laut Vermerk auf der Hülle handelt es sich um eine Aufnahme für den Rundfunk, Reichssender Frankfurt, aus den 1930er Jahren. Als Mitwirkende sind verzeichnet Hermann Baumann, der zwischen 1934 und 1945 Diezer Bürgermeister war, und Karl Schlau, Vorsitzender des Verkehrsvereins. Anders als die damals handelsüblichen Schallplatten ist dieses Exemplar nicht aus schwarzer Schellackmasse hergestellt, sondern aus Kunststoff, vermutlich PVC.
Nach dem Zusammenfügen der Einzelteile und dem vorsichtigen Abspielen mit einem modernen Gerät stellte sich heraus, dass die Platte mit 78 UpM von innen nach außen läuft, eine Spieldauer von etwa 3¼ Minuten hat und stark abgenutzt ist. Der Inhalt ist eine reine Sprachaufnahme mit drei Personen: Zunächst beschreibt ein Moderator in freundlichen Worten die Topographie der Stadt Diez und ihrer Umgebung. Dann bittet er Bürgermeister Baumann, die Flüsse und einzelne Bauwerke zu benennen, wozu er immer wieder Stichworte gibt. Baumann entwickelt in seinen Ausführungen ein romantisch gefärbtes Stimmungsbild von Stadt und Landschaft, das eindeutig auf die Anwerbung von Touristen zielt.
Aus den abschließenden Worten von Karl Schlau wird deutlich, dass die Aufnahme in der noch friedlich scheinenden Frühzeit der NS-Dikatur entstanden sein muss: Seit der „nationalen Erhebung“ habe Diez „einen ganz wesentlichen Aufschwung im Fremdenverkehr zu verzeichnen“. Die Diezer wüssten selbst nicht, wie schön sie es haben; man müsse mehr „Propaganda machen“ und einiges tun, um den Aufenthalt von Fremden so angenehm wie möglich zu machen.
Die gereinigte und digital überarbeitete, aber immer noch stark rauschende Aufnahme ist sicherlich kein großer Hörgenuss. Wahrscheinlich aber bietet sie die ältesten konservierten Stimmen Diezer Bürger. Sie können die Aufzeichnung mit einem Klick auf den unten stehenden Audiospieler hören.

Studioschallplatte des Reichssenders Frankfurt, um 1934. Das auf diese Platte aufgenommene Interview mit Baumann und Schlau konnte in Rundfunksendungen eingespielt werden. Die starke Abnutzung der empfindlichen Platte dürfte auf lange zurückliegende Versuche zurückzuführen sein, sie mit einem mechanischen Grammophon zu Gehör zu bringen.

Oktober 2020

Gastgeschenk niederländischer Pfadfinderinnen in Diez, 1933
Im Bestand der Robert-Heck-Bibliothek im Stadtarchiv befindet sich „The Piper of Pax“, eine 1924 erschienene Biographie des Pfadfinder-Gründers Robert Baden-Powell.
Das Buch war das Gastgeschenk einer Gruppe niederländischer Pfadfinderinnen aus Slochteren / Provinz Groningen, die Anfang August 1933 anlässlich der Oranierfeier zum 400sten Geburtstag Wilhelms I. von Oranien in Diez zu Gast waren. Groningen gehörte zu den Provinzen, die seit dem späten 16. Jahrhundert von den Grafen der Linie Nassau-Diez regiert wurden. Das Buch wurde dem ehemaligen Diezer Bürgermeister Robert Heck übergeben, der wenige Wochen zuvor von Nationalsozialisten aus dem Amt gedrängt worden war, und nicht seinem Nachfolger, Hermann Baumann.
Auf den beiden Seiten des Vorsatzpapiers sind die Unterschriften von neun Pfadfinder-Pionierinnen zu lesen und eine Widmung an Robert Heck. Dieser war die Schlüsselfigur für das Zustandekommen der Oranierfeier. Leiterin der Pfadfindergruppe war die damals 22-jährige Jeanne van der Hoop van Slochteren, die älteste Tochter des mit Heck befreundeten Evert Jan van der Hoop van Slochteren. Mit diesem führte Heck bis zum Kriegsbeginn einen engen Austausch und ihm ist die Schenkung wichtiger Objekte für die Museumssammlung zu verdanken.
Der Besuch einer ausländischen Pfadfindergruppe war nur zu Beginn der NS-Diktatur noch möglich. Die meisten deutschen Jugendverbände waren zu dieser Zeit bereits verboten bzw. in die Hitlerjugend eingegliedert worden, und gerade die international organisierten, pazifistischen, auf einer eigenständigen ethischen Basis operierenden Pfadfinder mussten dem Regime ein Dorn im Auge sein. Die Oranierfeier aber war von Heck noch in seiner Amtszeit organisiert worden, und das Regime gestand ihm als angesehenem Ex-Bürgermeister eine zeitlang noch kleine Freiheiten auf dem Gebiet der Kulturpolitik zu. Ganz in seinem Sinne war es, dass die Pfadfinderinnen in Diezer Familien untergebracht wurden und Diezer Pfadfinder, wie Karl Baumann, Erich Fischer und Wilhelm Baumann, kleine Ausflüge und Besichtigungen mit ihnen unternahmen.
Die Ausstellung des Buchs begleitet die ab Anfang Oktober zu sehende Sonderausstellung zur Geschichte der Vereine in und um Diez.
       
September 2020
Drei Farblithographien mit Darstellungen aus der Josephslegende aus der Diezer Synagoge, spätes 19. Jahrhundert
Zu den wenigen Relikten der Diezer Synagoge gehören drei Druckgrafiken mit Szenen aus der Josephsgeschichte des ersten Buchs Mose: Joseph wird von seinen Brüdern verkauft, Die Keuschheit Josephs und Joseph gibt sich seinen Brüdern zu erkennen. Da das Verlesen von aufeinanderfolgenden Abschnitten der Tora zentraler Inhalt des jüdischen Gottesdienstes ist, wird in größeren Abständen auch die Josephslegende immer wieder vorgelesen. So bildeten die drei farbigen Grafiken aus der Diezer Synagoge eine bildliche Ergänzung zur Liturgie.
Leider ist die innere Gestaltung des Bauwerks weitgehend unbekannt. Aus der Verwendung der als Reproduktionsgrafiken nicht sonderlich kostbaren, kleinformatigen Joephsdarstellungen ist auf eine einfache Innenausstattung zu schließen. Dazu passt die Schlichtheit des Gebäudes aus der Außenansicht: Die Synagoge war ein solider, aus Bruch- und Backsteinen gemauerter, verputzter Satteldachbau mit einem Rundbogenportal und Rundbogenfenstern aus Gusseisen. Sie war nicht größer als ein Zweifamilienhaus und damit an die Größe der um 1900 maximal 130 Mitglieder umfassenden jüdischen Gemeinde angepasst.
Architekt des 1862/63 erbauten Gotteshauses war der Nassauische Oberbaurat Carl Boos, der in den Jahren zuvor gemeinsam mit Erzherzog Stephan von Österreich den neugotischen Umbau des Schlosses Schaumburg geplant hatte.
Nach 75 Jahren der friedlichen Nutzung als Gotteshaus drang in der Pogromnacht am 9. November 1938 ein von SA-Leuten angeführter Mob in das Gebäude ein, verwüstete die Innenausstattung und legte Feuer. Trotz des Brandes blieb die Bausubstanz weitgehend intakt. Die Synagoge wurde anschließend vom NS-Fliegerkorps beschlagnahmt und diente fortan als Werkstatt. Nach Kriegsende wurde sie verkauft und 1951 abgebrochen. Die drei Darstellungen der Josephslegende gelangten laut Inventar der Städtischen Sammlungen irgendwann in den Besitz der Stadt Diez, die sie den Städtischen Sammlungen übergab.
August 2020

Mechanische Parkuhr zum Münzeinwurf, 1960er Jahre

In den Jahren des Wirtschaftswunders bekamen auch die kleineren Städte allmählich die Folgen des zunehmenden Autoverkehrs zu spüren. Durch die engen Straßen drängten sich die Fahrzeuge, während die Straßenränder immer mehr von parkenden Autos in Beschlag genommen wurden: eine uns allen seit langer Zeit vertraute Situation.
Um die Mitte der 1950er Jahre begannen viele Kommunen mit dem Aufstellen von „Parkometern‟ an markierten Parkplätzen, die gegen Münzeinwurf das Parken für meist bis zu zwei Stunden erlaubten. Auf diese Weise wurden Dauerparker aus den Straßen verdrängt und zugleich Geld für die kommunalen Kassen eingenommen.
Im Diezer Stadtrat begann die Diskussion über die Aufstellung von Parkuhren spätestens 1959. Es dauerte aber noch bis zu den ersten Julitagen 1962, bis die ersten 32 Exemplare der „vollautomatischen Parkzeituhren‟ der in Frankfurt ansässigen VDO Tachometer Werke in der Rosenstraße und der unteren Wilhelmstraße aufgestellt waren. In den folgenden Jahren kamen zahlreiche weitere Exemplare an anderen Stellen hinzu. Die Entschärfung der Diezer Parksituation durch Parkuhren war begleitet von einer Vielzahl alltäglicher Ärgernisse, wie sie in allen Städten mit Parkuhren vorkamen: gerade fehlendes Kleingeld, hitzige Diskussionen mit Angestellten des Ordnungsamts über Überziehungszeiten oder Funktionsstörungen, versehentliche und mutwillige Beschädigungen. Wie andernorts hatten auch die Parkuhren in Diez keine Chance, zum beliebten Kultobjekt aufzusteigen. Sie brachten viele Unannehmlichkeiten und nur geringe Einnahmen.
Bei der Umgestaltung der Rosen- und Wilhelmstraße und des Marktplatzes wurden nach der Jahrtausendwende sämtliche Diezer Parkuhren demontiert. Seither besteht die Methode zum Fernhalten von Dauerparkern in der Beschränkung der erlaubten Standzeit in Verbindung mit der jeweils eigenen Parkscheibe. Im Zuge der technischen Fortentwicklung verschwanden die Parkuhren aber auch in anderen Städten, meist zugunsten elektronischer Parkscheinautomaten.

 

 März 2020

Barbierschale mit Darstellung der Hinrichtung des französischen Königs Ludwig XVI. im Januar 1793
Fayence (vermutlich englische Fertigung)

Im Zuge der französischen Revolution kamen feudale und florale Motive des Rokoko, die bisher das Geschirr zierten, aus der Mode. Die Industrie stellte sich entsprechend auf die neue politische Situation ein. England war ein wesentlicher Lieferant dieser Fayencen und nicht verlegen, auch hintergründige Darstellungen und Motive, die auf dem auch heute noch typischen englischen Humor gründeten, auf den Markt zu bringen.
Die Hinrichtung Ludwig XVI. war nicht nur in Frankreich, sondern auch in ganz Europa, von enormer gesellschaftlicher Sprengkraft. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es noch keinen europäischen Flächenstaat, der die Feudalherrschaft abgeschafft und eine Republik ausgerufen hatte. Verständlicherweise hatten die Fürsten der Nachbarstaaten entsprechend Furcht vor den Ereignissen.
Die Darstellung der Hinrichtung des Königs auf dem Boden einer Barbierschale (die dem zu Rasierenden beim Einseifen an den Hals gesetzt wird) ist vor dem Hintergrund der Guillotinierung des Königs von einiger Brisanz und voll Ironie.

 

August 2019
Care-Paket, 1958
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lagen weite Teile Europas, vor allem Deutschlands, in Trümmern. Die staatlichen Strukturen waren zusammengebrochen, und Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen verschärften die ohnehin prekäre Versorgungs- und Wohnungssituation.
Besonders in den Städten war die Lage dramatisch, denn schon in den Kriegsjahren waren dort Nahrungsmittel knapp gewesen. Hilfe konnte in dieser Situation nur von außen kommen – und sie kam aus den USA in Gestalt der legendären CARE-Pakete. Noch bis Ende 1945 hatte dort das Verbot gegolten, Güter nach Deutschland zu schicken. Kurz vor Auslaufen des Verbots schlossen sich zahlreiche Wohlfahrtsorganisationen zur Cooperative for American Remittances to Europe Inc. (CARE) zusammen, um möglichst bald im großen Stil Hilfslieferungen an die notleidende europäische Bevölkerung aufzunehmen.
Die Lieferungen begannen Anfang Juni 1946 in der amerikanischen Besatzungszone, wenig später gestatteten auch die übrigen Westzonen die Verteilung von CARE-Paketen. Der Inhalt der Standard-Pakete variierte leicht und war auf den Bedarf einer Familie abgestimmt. Von Kaffee und anfänglich auch Zigaretten abgesehen, setzte es sich aus sehr nahrhaften Bestandteilen zusammen, vor allem aus Fleischprodukten, Innereien, tierischen Fetten, Zucker, Honig, Rosinen, Milch- und Eipulver.
Das ausgestellte CARE-Paket ist ein spätes Exemplar. Laut Aufkleber wurde es am 23. Oktober 1958 in Ludwigsburg umgeladen. Es stammt aus dem Besitz des polnischen Ehepaars Rozalia und Polikarp Gasiorek in der Freiendiezer Weiherstraße, die im Krieg an verschiedenen Orten als Zwangsarbeiter hatten arbeiten müssen und sich nach Aufenthalten in Birlenbach und Hambach in Freiendiez niederließen. Das Paket ist bezeichnenderweise leer. Laut Aufdruck auf der Außenseite hatte der Inhalt des CARE-Pakets ein Gewicht von 24 amerikanischen Pfund, was knapp 11 kg entspricht.

 

April 2019

Ansicht des Kölner Doms, Radierung von Rudolf Fuchs, gewidmet 1966
Zusammen mit einem Buch und weiteren Grafiken von der Hand des Diezer Grafikers und Malers Rudolf Fuchs erhielt das Museum im Grafenschloss kürzlich eine wahrscheinlich 1944 ausgearbeitete, 1966 gedruckte und kolorierte Radierung mit der Darstellung des Kölner Doms geschenkt. Sie ist dem Ehepaar Classé gewidmet, der Tante und dem Onkel der Schenkerin, Frau Dr. Friederike Euler in München. Frau Classé stammte aus Köln.
Auf dem ziemlich großen Blatt ist der Dom nicht als Ganzes zu sehen. Von einem sehr nahe am Mauerwerk der Südseite gelegenen Standpunkt aus führt der Blick über viele Details des Langhaus-Strebewerks hinweg bis zur Rückansicht der monumentalen Türme. Erst deren charakteristische Form verrät, um welches Bauwerk es sich handelt. Vor ihnen aber dominiert der Blick auf die Unzahl der gotischen Fialen, Stre-bebögen, Krabben, Nonnenkopf-, Drei- und Vierpassmotive. Es ergibt sich der Eindruck des unfasslichen, übermenschlich Riesenhaften und Komplexen. Im Stil der Darstellung klingt als flimmernder, unruhiger Stil des subjektiven Momenteindrucks noch der Impressionismus des späten 19. Jahrhunderts durch. Für Fuchs, der wenig mit den in seiner Jugendzeit aufkommenden Kunststilen der Moderne anfangen konnte, war dies der letzte Stil, den er noch nicht als „Verfall‟ ansah.
Vielleicht war Rudolf Fuchs mit Goethes schwärmerischer Frühschrift „Von deutscher Baukunst‟ vertraut, die dem Baumeister des Straßburger Münsters, gewidmet ist. In dem Aufsatz ist die Rede von dem ungeheuren Mauerwerk, das aufsteigt „gleich einem hocherhabnen, weitverbreiteten Baume Gottes, der mit tausend Ästen, Millionen Zweigen und Blättern wie der Sand am Meer ringsum der Gegend verkündet die Herrlichkeit des Herrn, seines Meisters.‟
Rudolf Fuchs hatte eine starke, auch mystische, Bindung an den Kölner Dom, die u. a. in seinem späten autobiografischen Buch „In der Abendröte‟ zum Ausdruck kommt. Darin schreibt er zur Aufgabe, dieses Bauwerk zu zeichnen: „Die Einzelteile verschmolzen immer miteinander und mußten doch beim Zeichnen herauszulösen sein, wollte man keinen Pfusch machen.‟

 

November 2018

Plan der Wildweiberlei-Höhlen bei Altendiez, 1920

Der als „Baggersee Diez‟ bekannte Freizeitpark ist das Ergebnis eines jahrzehntelang betriebenen Abbaus von devonischem Massenkalk. Wie auf alten Fotos zu sehen ist, ragten im frühen 20. Jahrhundert an der gleichen Stelle des Altendiezer Lahnufers noch bizarre Felsformationen hoch über dem Fluss empor, ein Anblick, der an eine Kalkstein-Version des Loreleyfelsens denken lässt.

Um 1920 stand der Abbau einer Felsmasse bevor, in der sich ein kleines natürliches Höhlensystem befand. Es war bekannt, dass diese Höhlen vorgeschichtliche Relikte enthielten. Wegen der unzugänglichen Lage auf halber Höhe des Felsmassivs aber hatte bislang niemand dort Grabungen vorgenommen. Doch nun drängte die Zeit. Als Fachmann übernahm der Diezer Historiker und Archäologe Hermann Heck die Grabungsleitung zur Erforschung der Höhlen und ihrer Umgebung. Die Hauptphase der Arbeiten beanspruchte die Frühlings- und Sommermonate des Jahres 1920. Das kleine Grabungsteam förderte dabei zahlreiche Artefakte zutage, die der späteiszeitlichen Kulturstufe des „Magdalénien‟ aus der Zeit um 13.000 bis 12.000 v. Chr. zuzuweisen sind. Es handelt sich um steinerne Klingen, Stichel, Schaber, Messerchen, Abschlagreste, Bohrer und ähnliche Werkzeuge. Außerdem wurden Tierknochen und -zähne und Relikte späterer steinzeitlicher Aktivitäten gefunden, insgesamt rund 200 Fundstücke. Heck klassifizierte die eiszeitlichen Funde begeistert als „Aufdeckung einer vollständigen Werkstatt mit allem Zubehör‟. Sie geben einen guten Einblick in den dortigen Aufenthalt kleiner Menschengruppen, die in den Höhlen rasteten und ihre Werkzeuge überarbeiteten.

Zu Beginn der Grabungen, am 11. April 1920, zeichnete der Diezer Architekt Paul Baltzer eine maßstäbliche Übersicht über die Struktur des Höhlensystems. Er gliederte das System in Höhle 1 und 2, einen Kessel und mehrere, mit Buchstaben benannte Kammern. Durch entsprechende Vermerke im Inventarbuch sind die Fundorte der einzelnen Gegenstände noch heute genau nachzuvollziehen.

 

Oktober 2018

Schreibgarnitur aus Lahnmarmor, verm. 1930er / 40er Jahre

Zu einer Schenkung mehrerer Gegenstände von Seiten der ehemaligen Freiendiezerinnen Angelika Jansen und Friederike Bartel gehört eine mehrteili­ge Schreibgarnitur aus Lahnmarmor. Bestandteile sind zwei auf einer Ablage­platte montierte Tintenfässchen mit Deckel, eine Löschwiege, ein Brief­beschwerer und ein Aschenbecher – alles in allem ein nützliches, präzise ge­arbeitetes und dekoratives Ensemble.

Nach Auskunft des Lahn-Marmor-Museums in Villmar ist der verwendete Stein die in Gaudernbach geförderte Sorte „Brunhildenstein‟. Hergestellt wurde die Garnitur sehr wahrscheinlich von Dyckerhoff & Neumann. Zum Sortiment der in Villmar von 1892 bis 1979 aktiven Firma gehörten neben geschnittenen und geschliffenen Platten aus verschiedenen Lahnmarmorsorten auch zahlreiche aus diesem Material gefertigte Gebrauchs- und Dekorationsgegenstände.

Im Falle der häufig produzierten Schreibtischgarnituren ist die praktische Nütz­lichkeit meist mit der Neigung zum Repräsentativen verbunden. Eine gravitäti­sche marmorne Garnitur war ein wichtiger Bestandteil eines soliden, gut aus­gestatteten Schreibtischs, wobei im Falle des ausgestellten Beispiels der Aschenbecher verrät, dass es ein Herrenschreibtisch war. Und dieser bildete das Zentrum eines Direktorenbüros oder Herrenzimmers und war damit Teil einer Inszenierung patriarchaler Bedeutsamkeit. Hier wurde nachgedacht und korrespondiert, hier wurden Entscheidungen gefällt und Verträge unterzeichnet, von denen das Wohlergehen und das Ansehen einer Firma und einer bürgerli­chen Familie abhängig sein konnte.

Das ausgestellte Exemplar wurde von Friedrich Scheid aus Niederneisen / Freiendiez unter anderem für ehrenamtliche Verwaltungsaufgaben genutzt. Im Haus der Familie stand der zugehörige, kunstvoll gearbeitete Schreibtisch im Wohnzimmer und war für diesen Standort etwas zu groß geraten .

 

 

 

 

 

 

 

September 2018

Porträtkupferstiche von Oranierfürsten, um 1750 1790

Ende Juni nahmen der Museums- und Geschichtsverein und die Stadt Diez zehn Porträtkupferstiche von Angehörigen der Oranierfamilie als Dauerleihgabe in Empfang. Die frisch restaurierten Werke wurden von Dr. Johan R. ter Molen, dem Vorsitzenden der niederländischen Stiftung „Je Maintiendrai Nassau‟ und einer kleinen Delegation im Schloss Oranienstein feierlich dem Bürgermeister und dem Vorsitzenden des Vereins übergeben. Die meisten Grafiken zeigen Wilhelm V. von Oranien, seine Frau Wilhemine von Preußen und deren Kinder in klassizistischen

Porträts aus den 1780er Jahren. Drei rund 30 Jahre ältere, symbolisch-dekorativ ausgeschmückte Kupferstiche im Rokokostil stellen Mary Stuart II. bzw. Wilhelm V. und seine Schwester Caroline als Kinder dar.
Wilhelm und Wilhelmine residierten nach ihrer Ver

treibung aus den Niederlanden und einem Exil in England von 1801 bis 1806 im Schloss Oranienstein. Damit haben gerade die jüngeren Kupferstiche einen näheren zeitlichen Bezug zum Aufenthalt des Statthalterpaares in Diez.
Die 1959 gegründete, nach dem Wahlspruch der Niederlande benannte Stiftung „Je Maintiendrai Nassau‟ („Ich werde Nassau bewahren‟) ist für die Erhaltung des Schlosses Oranienstein und die guten Beziehungen der Stadt Diez zu den Niederlanden von größter Bedeutung. Von Anfang an bemühte sich die Stiftung um den Erhalt und eine würdige Nutzung von Oranienstein – mit Erfolg. Der diplomatische, finanzielle und organisatorische Einsatz für das Schloss folgte und folgt noch immer der Zielsetzung, „an der Instandhaltung innerhalb und außerhalb der Niederlande gelegener historischer und künstlerischer Monumente mitzuwirken, die Zeugnis ablegen vom Leben und Werk von Mitgliedern der Häuser Oranien und Oranien-Nassau‟.
Die nun übergebenen Grafiken stammen aus dem Nachlass des Stiftungsgründers Frank van den Berg und wurden der Stiftung von dessen gleichnamigem Sohn vermacht.

 

August 2018

Stereofotos von Runkel, 1867 und 2018

Im Sommer 1867, unternahm der britische Fotograf William England eine Reise entlang des Rheins von Köln bis Mainz und Wiesbaden, dann entlang der Nahe von Bingen bis nach Bad Münster und anschließend entlang der Lahn von Lahnstein bis Weilburg. Neben einfachen Fotografien fertigte er dabei 80 stereografische Ansichten von den wichtigsten Orten entlang dieses Weges an, die einige Zeit später in den Handel kamen. Durch ein Stereoskop betrachtet, ergeben sie einen intensiven räumlichen Eindruck des jeweiligen Motivs. In Englands Serie ist die untere und mittlere Lahn mit 16 Motiven von Ems bis Weilburg recht gut vertreten. Auch andere Fotografen bereisten im 19. Jahrhundert wiederholt das Lahntal, um stereographische Bilder anzufertigen. Ein besonders beliebtes Motiv war Bad Ems.
Durch den Zugriff auf private Stereo-Sammlungen und Exemplare der eigenen Sammlung ist das Museum im Grafenschloss mittlerweile in der Lage, ein lange geplantes Projekt anzugehen: Jeweils 15 bis 20 Reproduktionen historischer Stereofotos von Orten an der Lahn und eine gleiche Anzahl neuer Stereos der gleichen Ansichten sollen als Paket zum Kauf angeboten werden. Dazu gehört auch ein einfacher Stereobetrachter. Zurzeit werden die neuen Bilder aufgenommen und die Herstellung des Pakets organisiert, sodass es voraussichtlich im nächsten oder übernächsten Jahr angeboten werden kann.
Wie die Gegenüberstellung eines alten und eines neuen Stereofotos aussehen kann, zeigt exemplarisch eine Ansicht der Stadt Runkel von der Schleuse aus gesehen. Das 151 Jahre alte Original von William England gibt eine ziemlich klassische Bildkomposition vor: das schräg von links unten nach rechts in die Bildtiefe führende Wehr, die zu den Häusern leitende Brücke und über den Häusern, monumental und düster, die mittelalterliche Burg. Mit dem Stereoskop betrachtet ist dies alles eine nahezu ideale Verbindung von räumlich wirksamen Motiven in unterschiedlichen Tiefenebenen.
Ähnlich wie auf der Ansicht von Runkel sind auch auf den meisten übrigen historischen Stereofotos mit Motiven von der Lahn die historischen Gebäude und Brücken zu sehen. Wie der Vergleich zeigt, hat sich in diesen Kernbereichen der Dörfer und Städte die alte Struktur meist bis heute erhalten.

 

September 2017

Pyromorphit, „Grünbleierz‟ aus Bad Ems

Zu unserer Mineralienausstellung steuert das Museum Wiesbaden unter anderem zwei prächtige Pyromorphit-Stufen aus seinen Magazinbeständen bei. Es handelt sich um Stücke aus einer Bad Emser Grube, die möglicherweise schon in der Zeit des Herzogtums Nassau nach Wiesbaden gelangt sind.
In der Emser Region wurde vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert reger Bergbau auf die Blei- und Zinkerze des „Emser Gangzugs‟ betrieben, deren Nebenprodukt das für die Münzherstellung bedeutende Silber war. An der Metallgewinnung vorbei gelangten nur wenige, ausgesucht schöne Mineralstufen aus den Gruben in öffentlichen oder privaten Besitz. Dazu gehörten spektakuläre Exponate des Bleiphosphats Pyromorphit. Dieses Mineral kann in unterschiedlichen Farben und Formen vorkommen: braun, bläulich, gelblich, grün, nadelförmig, kugelig oder säulig. Unter Sammlern besonders begehrt ist die Form des „Grün- und Braunbleierzes‟ mit sechskantigen Kristallen. Im Emser Gangzug kamen leicht bauchige, oft gebogene Kristalle der grünlichen Variante vor, die wegen ihres Aussehens als „Emser Tönnchen‟ bekannt wurden. Das ausgestellte Stück gehört zu dieser Erscheinungsform.
Bleiminerale, wie Pyromorphit, Galenit oder Anglesit, sind oft als Kristallstufen in Sammlungen ästhetisch sehr ansprechend. Beim Abbau, der Aufbereitung und Verhüttung aber führten sie in der Vergangenheit zu mitunter beträchtlichen Umweltschäden. Ursache ist das giftige Blei selbst, aber auch die frei werdenden Schwefel- und Chloranteile der Verbindungen, außerdem Beimengungen weiterer, giftiger Schwermetalle. Nicht zuletzt aus diesen Gründen wurde die Förderung und Primärverhüttung von Bleierz in Deutschland weitgehend aufgegeben. Die Bad Emser Gruben liegen schon seit 1945 still, so dass wohl keine weiteren „Emser Tönnchen‟ in der alten Qualität mehr ans Tageslicht kommen werden.

 

April 2017

Kolorierte Daguerreotypie: Porträt des Fr. A. Gottschalk, um 1850

Im Magazin der Museumssammlung lässt sich immer noch die eine oder andere kleine Überraschung finden. So beherbergte ein beschrifteter Karton mit Zinnsoldaten und Brillen neben dem Erwarteten auch eine kleine Daguerreotypie: ein Porträtbild, hergestellt nach einem der beiden ältesten, 1839 erfundenen fotografischen Verfahren. Wie seinerzeit üblich, wurde das Bildnis in die rechte Seite eines lederbezogenen, mit einem Stoffkissen ausgepolsterten Klappetuis eingepasst. Darin ist es licht- und stoßgeschützt geborgen und konnte ausgewählten Betrachtern als kostbares Kleinod präsentiert werden.
Im Ovalausschnitt eines goldfarbenen Passepartouts sieht man frontal die Halbfigur eines wohlgenährten Mannes im Mittfünfzigeralter. Er trägt dunklen Gehrock, Frack und Querbinder zu hellem Hemd. Mit dieser bürgerlichen Kleidung, strengem, entschlossenen Blick und sauber gescheitelten, mittellangen Haaren vermittelt er den Eindruck eines Mannes von Rang der ausgehenden Biedermeierzeit. Eine gehobene Stellung ist ohnehin bei fast allen in einer Daguerreotypie Porträtierten vorauszusetzen, denn ein solches Bild konnten sich nur sehr Wohlhabende leisten. Zusätzlichen Aufwand zum komplizierten Daguerreotypieverfahren bedeutete die feine rosafarbige Kolorierung des Gesichts. Hier musste sehr behutsam gearbeitet werden, um die empfindliche Silberamalgamschicht des Bildes nicht zu beschädigen.
Über den Abgebildeten ist außer Namen und Geburtsjahr noch nichts Näheres bekannt. Ein eingeklebtes Papierfähnchen mit dem Schriftzug „F. A. Gottschalk. Geboren 1795.‟ gibt immerhin einen klaren Anhaltspunkt. Es wird noch einiger Nachforschungen bedürfen, um an weitere Informationen zur Person Gottschalks zu gelangen. Vielleicht trägt die Veröffentlichung des Fundes dazu bei.

 

März 2016

„Lichtra‟ – ein elektrifiziertes Wissensspiel, um 1930

Nach 1900 begann die Elektrizität, immer weitere Gebiete des Alltaglebens zu erobern. Auch in die Welt der Kinder- und Gesellschaftsspiele hielt sie bald Einzug. Zu den frühen Beispielen dafür gehört ein 1910 der Öffentlichkeit vorgestelltes, über viele Jahre hinweg erfolgreiches Wissensspiel mit dem Namen Lichtra.
Es besteht aus einer Klappschachtel, auf dessen Einlegeplatte eine kleine Glühlampe und 40 wie Druckknöpfe aussehende elektrische Kontakte montiert sind. Dazu gehören zwei Kabel mit Steckern und mehrere Serien von starken, in der Anordnung der Kontaktknöpfe gelochten Blättern zum Auflegen. Auf der linken Seite der Blätter steht bei jedem Loch eine Frage und irgendwo auf der rechten die passende Antwort. Zum Überprüfen der Zusammengehörigkeit müssen die Kontakte von Frage und Antwort gleichzeitig mit den Steckern berührt werden. Stimmt die Antwort, dann schließt sich ein Stromkreis von der Batterie zur Lampe und diese leuchtet auf.
In Bezug auf die Inhalte der Fragen und auf die Verwendung eines elektrischen Stromkreises ist Lichtra ein rationales und modernes Spiel. Aber die elektrischen Leitungen sind versteckt, so dass unbefangene Spieler mehr dahinter vermuten könnten als eine einfache Drahtverbindung. Dementsprechend wird es auf dem Deckelbild mithilfe stereotyper Orientmotive als Zauberei präsentiert: Im Hintergrund sieht man Türme mit Zwiebeldächern und eine Moschee, vorn einen Stein mit unleserlichen Schriftzeichen und einen weißbärtigen Derwisch der mit einer Armbewegung aus großer Ferne eine Lampe hervorzaubert. Es sind damals gängige Vorstellungen vom märchenhaften, fremden Orient, die dazu herhalten mussten, Lichtra als Zauberspiel zu inszenieren.
Das Spiel ist eine kürzlich erworbene Schenkung. Wie einige weitere Gegenstände, stammt es aus dem Haushalt der Freiendiezer Lehrerfamilie Mohr.

 

September 2015

Poesiealbum des Architekten C.C.W. Sckell, 1773

Die kürzlich angenommene Schenkung eines in Diez aufgefundenen, prächtigen Poesiealbums der Rokokozeit gibt vorläufig noch einige Rätsel auf.
Es geht um ein querformatiges Buch mit 450 nummerierten Seiten und einem kurzen Verzeichnis der Einträge. In Lederdecken mit vergoldeten Ornamenten eingebunden, trägt es auf der Einbandmitte die Initialen C.C.W.S. Nach einem wild marmorierten Vorsatz und einem leeren Zwischenblatt folgt ein reich bemaltes Deckblatt, das Auskunft über den Eigentümer gibt. Inmitten eines barocken Schlossaales sieht man darauf Pallas Athene als Schirmherrin der Künste und Wissenschaften, umgeben von Winkel, Zirkel, Maßstab, Bücher, Palette und Globus als Symbolen für ihre Fachdisziplinen. Mit der rechten Hand weist sie auf eine von einem üppigen Zierrahmen („Kartusche‟) umgebene Schrifttafel. Deren Inschrift lautet: „Dem Schätzbaren Andencken Seiner hoch und werthgeschätzten Gönner und Freunden weyhet diese Blätter C.C.W. Sckell, der Baukunst und Matem. Befl. aus Dillenburg – Gießen 1773‟.
Es ist anzunehmen, dass C.C.W. Sckell Mitglied der großen Sckell-Familie war, die über Jahrhunderte hinweg eine ganze Reihe von einflussreichen Architekten und Gartenarchitekten hervorgebracht hat, darunter Clarus Friedrich Ludwig Sckell (1750-1823), den Architekten u.a. des Englischen Gartens in München und des Oraniensteiner Schlossgartens. Der Jahreszahl des Albums zufolge war er ein Zeitgenosse des noch rätselhaften C.C.W.
Die Seiten des Buchblocks enthalten in lockerer Folge die in Poesiealben üblichen tugendsamen Mahnungen, Reime und Abschiedsgrüße in deutscher, lateinischer und französischer Sprache, abgefasst zumeist in Gießen von Professoren und Studenten. Daraus wird deutlich, dass Sckell in den Jahren um 1773 Student war.

 

Oktober 2012

Ballonhülle von dem 1910 bei Weilburg zerstörten Zeppelin Z II

Nachdem Graf Zeppelin als Motor des deutschen Luftschiffbaus zwischen 1900 und 1906 bewiesen hatte, dass das Luftschiff ein brauchbares Transportmittel sein kann, begann sich auch das Militär für das neue Fahrzeug zu interessieren. Bereits das dritte Luftschiff Zeppelins, LZ 3, wurde 1908 vom Heer angekauft und erfolgreich erprobt. Das übernächste Exemplar, LZ 5, wurde im Jahr 1909 als zweiter militärischer Zeppelin mit dem Namen Z II vom Heer übernommen.

Am 22. April 1910 begleitete Z II eine Militärparade in Bad Homburg, an der auch der Kaiser teilnahm. Auf der Rückfahrt mit dem Ziel Köln wurde er vom Wind ins Lahntal getrieben, gelangte bis über Diez und drehte ab, um wegen starken Windes und Gasverlustes bei Blumenrod notzulanden.
Auf seinem stürmischen Landeplatz konnte er aber nur schlecht verankert werden. Am nächsten Mittag wurde der Zeppelin durch einen plötzlichen Sturm losgerissen, schnell lahnaufwärts weggetrieben und zerschellte nach nur rund zehnminütiger Irrfahrt irreparabel am Webersberg bei Weilburg. Noch bevor Soldaten der Diezer 160er Garnison per Sonderzug zum Schauplatz des Unglücks gelangten, um diesen zu sichern, waren Scharen von Schaulustigen angekommen und begannen, Fetzen der Ballonhaut und Teile des Aluminiumgerippes als Andenken herauszureißen. Auch drei Angehörige der Diezer Familie Baltzer fuhren hin, um sich ein Stück der imprägnierten Leinwand zu sichern. Möglicherweise brachte ihnen der Besitz eines eigenen Automobils den entscheidenden Zeitvorteil gegenüber den Sicherungsmannschaften, denn die Trophäenjagd war erfolgreich: Den drei Schaulustigen gelang es, ein kleines Stück von der gigantischen Zeppelinhaut zu ergattern, welches dann sorgfältig zugeschnitten und mit den wichtigsten Daten des Ereignisses beschriftet wurde: Den Namen der drei Ausflügler G., Emil und Lisbeth Baltzer, dem Datum und den Angaben zur letzten Reise des Zeppelins am 25. April 1910.

 

Juni 2011

Doppelporträt des Herzogspaars Adolph und Adelheid von Nassau als Gipsrelief, um 1890

Nach dem Krieg, den das Herzogtum Nassau 1866 als Teil des Deut-schen Bundes an der Seite Österreichs gegen Preußen führte und verlor, wurde das Herzogtum von Preußen annektiert. Herzog Adolph schied daraufhin aus dem Amt, doch blieben seine Bindungen an das Nassauer Land erhalten. Er konnte vier seiner Schlösser behalten, die er mit seiner zweiten Frau Adelheid in den folgenden Jahren immer wieder besuchte, um dabei alte Kontakte zu pflegen. Die gelegentlichen Besuche in seinem ehemaligen Herzogtum setzte er auch fort, nachdem er 1890 Großherzog von Luxemburg geworden war.
Dabei verstand er es, mit kleinen Geschenken an ehemalige Bedienstete, Beamte, Militärs oder Personen des öffentlichen Lebens, die Erinnerung an seine vergangene Regentschaft lebendig zu halten. Solche Geschenke waren meist signierte Porträts Adolphs oder des Herzogspaars als Foto oder Kunstdruck, außerdem Medaillen, Urkun-den, Orden und Porträts in Form kleiner Reliefs. Ein Teil dieser Her-zogs-Devotionalien wurde offenbar auch über den Kunsthandel vertrieben und fand Eingang in so manche gründerzeitliche Bürgerwohnung im Nassauer Land. Sie sind noch heute leicht zu bekommen. Ihre Verbreitung schlägt sich auch in der beträchtlichen Zahl solcher Erinnerungsstücke in der Diezer Sammlung nieder. Dazu gehört ein hinter Glas gefasstes Doppelporträt Adolphs und Adelheids als Gipsrelief, montiert auf schwarzem Samt im schwarzen Medaillonrahmen. Die Machart der Rahmung mit Blechdeckeln, Schrauben und fehlerfreiem Uhrglas deutet auf eine späte Entstehungszeit des Reliefs um 1890 hin.

 

Oktober 2010

Gästebuch der Familie Pfeiffer / Fuchs, 1906-1944

Das in rotes Leder eingebundene, mit Goldschnittkante versehene Gästebuch der Diezer Familie Pfeiffer, später Fuchs – bis heute im Familienbesitz – verzeichnet die Besuche im Wohnhaus in der Wilhelmstraße vom September 1906 bis zum Mai 1944. Die zahlreichen Einträge der Gäste entstanden zumeist bei der Gelegenheit geselliger und bisweilen feucht-fröhlicher Festlichkeiten, Tee- und Abendgesellschaften und anderen privaten Zusammenkünften im gediegenen, feierlichen Rahmen. Unter den Gästen befanden sich durchweg Angehörige der bekannten Diezer Bürgerfamilien, aber immer wieder auch Auswärtige: Schauspielerinnen, Maler, Militärs, Journalisten, Kunsthändler und Schriftsteller, darunter auch Besucher aus dem Ausland.
Was im Buch hinterlassen wurde, ist ziemlich vielseitig. Im einfachsten Falle waren es bloße Autogramme. Doch finden sich auch umfangreiche Danksagungen, Trinksprüche und Lieder, meist als Lobreden oder Lobgesänge auf Kochkunst und Gastfreundschaft des Hauses. Weitere Einträge enthalten anlassbezogene Literaturzitate und tagespolitische Anspielungen. Eine Besonderheit unter den vielen Möglichkeiten, sich im Gästebuch zu verewigen, bildet eine kleine Zahl von Karikaturen. Sie stammen überwiegend von einem durch Robert Heck eingeführten Gast, dem Triester Maler Adolfo Levier. Levier, den Heck im Jahr 1906 in Rom kennengelernt hatte, kam in den folgenden Jahren mehrfach zu Besuch nach Diez und malte dort auch Portraits aus dem Kreis der Gäste des Hauses Pfeiffer. Ganz in der Rolle des Künstlers nutzte er die Aufforderung zur Unterschrift, um mit knappen, aber treffenden Strichen oder Pinselzügen einige der Anwesenden zu karikieren. Leviers Karikaturen tragen sehr zur Bereicherung des Gästebuchs bei, denn sie vermitteln einen deutlichen visuellen Eindruck davon, wie man sich die Teilnehmer dieser privaten großbürgerlichen Zusammenkünfte in Kleidung und Habitus vorzustellen hat.

 

August 2010

Merowingischer Kreuzanhänger, 6. bis 7. Jahrhundert

Bei Schachtarbeiten im Diezer Stadtgebiet wurde 1959 in einer Brandschicht ein unscheinbares Kreuz aus Bronze gefunden. Durch Hitzeeinwirkung sind die Arme des Kreuzes leicht verbogen. Wie aus einer Öse am oberen Ende zu sehen ist, wurde es wohl als Anhänger an einem Halsband oder einer Halskette getragen. Reste einer ehemals vollständigen Vergoldung lassen den Schluss zu, dass der Kreuzanhänger zu seiner Zeit ein wertvolles Schmuckstück war.
Seine Gestaltung wirkt aus heutiger Sicht etwas seltsam für ein christliches Kreuz: Die etwa gleichlangen, im Querschnitt halbrunden Arme sind mit eingeschnittenen Querrillen verziert und enden in grotesken Tierkopfmotiven. Es handelt sich um vier jeweils gleiche, flache Tierköpfe mit großen Augen, Augenbrauen, flacher Nase mit großen Nüstern und einem froschartigen Maul. Hinter den Augen sind Haare in Form von Längsrillen angedeutet. Eine solche „zoomorphe“ Dekoration ist für die Zeit der Entstehung des Kreuzes nicht ungewöhnlich. An vielen anderen Schmuckstücken des 6. bis 7. Jahrhunderts findet man eine ähnliche dekorative Gestaltung, so dass sich auch dieses Exemplar grob jener Zeit zuordnen lässt. Damals spielte sich die Christianisierung der fränkischen Stämme ab, eine Phase, in der heidnische Vorstellungen und Bräuche allmählich vom Christentum verdrängt oder in christliche Ausdrucksformen integriert wurden. Auch künstlerische Dekorationsmotive heidnischen Ursprungs wie die Tierköpfe wurden auf diesem Weg unverändert in christliche Darstellungen übernommen.
Der Diezer Kreuzanhänger ist das in weitem Umkreis früheste erhaltene christliche Kreuz. Er ist seit einigen jahren als Dauerleihgabe im Limburger Diözesanmuseum ausgestellt und dort eines der ältesten Exponate.