Archiv

Das Objekt-des-Monats-Archiv zeigt eine kleine Auswahl der Exponate vom Sommer 2010 bis zu den vergangenen Monaten.

 

November 2018

Plan der Wildweiberlei-Höhlen bei Altendiez, 1920

Der als „Baggersee Diez‟ bekannte Freizeitpark ist das Ergebnis eines jahrzehntelang betriebenen Abbaus von devonischem Massenkalk. Wie auf alten Fotos zu sehen ist, ragten im frühen 20. Jahrhundert an der gleichen Stelle des Altendiezer Lahnufers noch bizarre Felsformationen hoch über dem Fluss empor, ein Anblick, der an eine Kalkstein-Version des Loreleyfelsens denken lässt.

Um 1920 stand der Abbau einer Felsmasse bevor, in der sich ein kleines natürliches Höhlensystem befand. Es war bekannt, dass diese Höhlen vorgeschichtliche Relikte enthielten. Wegen der unzugänglichen Lage auf halber Höhe des Felsmassivs aber hatte bislang niemand dort Grabungen vorgenommen. Doch nun drängte die Zeit. Als Fachmann übernahm der Diezer Historiker und Archäologe Hermann Heck die Grabungsleitung zur Erforschung der Höhlen und ihrer Umgebung. Die Hauptphase der Arbeiten beanspruchte die Frühlings- und Sommermonate des Jahres 1920. Das kleine Grabungsteam förderte dabei zahlreiche Artefakte zutage, die der späteiszeitlichen Kulturstufe des „Magdalénien‟ aus der Zeit um 13.000 bis 12.000 v. Chr. zuzuweisen sind. Es handelt sich um steinerne Klingen, Stichel, Schaber, Messerchen, Abschlagreste, Bohrer und ähnliche Werkzeuge. Außerdem wurden Tierknochen und -zähne und Relikte späterer steinzeitlicher Aktivitäten gefunden, insgesamt rund 200 Fundstücke. Heck klassifizierte die eiszeitlichen Funde begeistert als „Aufdeckung einer vollständigen Werkstatt mit allem Zubehör‟. Sie geben einen guten Einblick in den dortigen Aufenthalt kleiner Menschengruppen, die in den Höhlen rasteten und ihre Werkzeuge überarbeiteten.

Zu Beginn der Grabungen, am 11. April 1920, zeichnete der Diezer Architekt Paul Baltzer eine maßstäbliche Übersicht über die Struktur des Höhlensystems. Er gliederte das System in Höhle 1 und 2, einen Kessel und mehrere, mit Buchstaben benannte Kammern. Durch entsprechende Vermerke im Inventarbuch sind die Fundorte der einzelnen Gegenstände noch heute genau nachzuvollziehen.

 

Oktober 2018

Schreibgarnitur aus Lahnmarmor, verm. 1930er / 40er Jahre

Zu einer Schenkung mehrerer Gegenstände von Seiten der ehemaligen Freiendiezerinnen Angelika Jansen und Friederike Bartel gehört eine mehrteili­ge Schreibgarnitur aus Lahnmarmor. Bestandteile sind zwei auf einer Ablage­platte montierte Tintenfässchen mit Deckel, eine Löschwiege, ein Brief­beschwerer und ein Aschenbecher – alles in allem ein nützliches, präzise ge­arbeitetes und dekoratives Ensemble.

Nach Auskunft des Lahn-Marmor-Museums in Villmar ist der verwendete Stein die in Gaudernbach geförderte Sorte „Brunhildenstein‟. Hergestellt wurde die Garnitur sehr wahrscheinlich von Dyckerhoff & Neumann. Zum Sortiment der in Villmar von 1892 bis 1979 aktiven Firma gehörten neben geschnittenen und geschliffenen Platten aus verschiedenen Lahnmarmorsorten auch zahlreiche aus diesem Material gefertigte Gebrauchs- und Dekorationsgegenstände.

Im Falle der häufig produzierten Schreibtischgarnituren ist die praktische Nütz­lichkeit meist mit der Neigung zum Repräsentativen verbunden. Eine gravitäti­sche marmorne Garnitur war ein wichtiger Bestandteil eines soliden, gut aus­gestatteten Schreibtischs, wobei im Falle des ausgestellten Beispiels der Aschenbecher verrät, dass es ein Herrenschreibtisch war. Und dieser bildete das Zentrum eines Direktorenbüros oder Herrenzimmers und war damit Teil einer Inszenierung patriarchaler Bedeutsamkeit. Hier wurde nachgedacht und korrespondiert, hier wurden Entscheidungen gefällt und Verträge unterzeichnet, von denen das Wohlergehen und das Ansehen einer Firma und einer bürgerli­chen Familie abhängig sein konnte.

Das ausgestellte Exemplar wurde von Friedrich Scheid aus Niederneisen / Freiendiez unter anderem für ehrenamtliche Verwaltungsaufgaben genutzt. Im Haus der Familie stand der zugehörige, kunstvoll gearbeitete Schreibtisch im Wohnzimmer und war für diesen Standort etwas zu groß geraten .

 

 

 

 

 

 

 

September 2018

Porträtkupferstiche von Oranierfürsten, um 1750 1790

Ende Juni nahmen der Museums- und Geschichtsverein und die Stadt Diez zehn Porträtkupferstiche von Angehörigen der Oranierfamilie als Dauerleihgabe in Empfang. Die frisch restaurierten Werke wurden von Dr. Johan R. ter Molen, dem Vorsitzenden der niederländischen Stiftung „Je Maintiendrai Nassau‟ und einer kleinen Delegation im Schloss Oranienstein feierlich dem Bürgermeister und dem Vorsitzenden des Vereins übergeben. Die meisten Grafiken zeigen Wilhelm V. von Oranien, seine Frau Wilhemine von Preußen und deren Kinder in klassizistischen

Porträts aus den 1780er Jahren. Drei rund 30 Jahre ältere, symbolisch-dekorativ ausgeschmückte Kupferstiche im Rokokostil stellen Mary Stuart II. bzw. Wilhelm V. und seine Schwester Caroline als Kinder dar.
Wilhelm und Wilhelmine residierten nach ihrer Ver

treibung aus den Niederlanden und einem Exil in England von 1801 bis 1806 im Schloss Oranienstein. Damit haben gerade die jüngeren Kupferstiche einen näheren zeitlichen Bezug zum Aufenthalt des Statthalterpaares in Diez.
Die 1959 gegründete, nach dem Wahlspruch der Niederlande benannte Stiftung „Je Maintiendrai Nassau‟ („Ich werde Nassau bewahren‟) ist für die Erhaltung des Schlosses Oranienstein und die guten Beziehungen der Stadt Diez zu den Niederlanden von größter Bedeutung. Von Anfang an bemühte sich die Stiftung um den Erhalt und eine würdige Nutzung von Oranienstein – mit Erfolg. Der diplomatische, finanzielle und organisatorische Einsatz für das Schloss folgte und folgt noch immer der Zielsetzung, „an der Instandhaltung innerhalb und außerhalb der Niederlande gelegener historischer und künstlerischer Monumente mitzuwirken, die Zeugnis ablegen vom Leben und Werk von Mitgliedern der Häuser Oranien und Oranien-Nassau‟.
Die nun übergebenen Grafiken stammen aus dem Nachlass des Stiftungsgründers Frank van den Berg und wurden der Stiftung von dessen gleichnamigem Sohn vermacht.

 

August 2018

Stereofotos von Runkel, 1867 und 2018

Im Sommer 1867, unternahm der britische Fotograf William England eine Reise entlang des Rheins von Köln bis Mainz und Wiesbaden, dann entlang der Nahe von Bingen bis nach Bad Münster und anschließend entlang der Lahn von Lahnstein bis Weilburg. Neben einfachen Fotografien fertigte er dabei 80 stereografische Ansichten von den wichtigsten Orten entlang dieses Weges an, die einige Zeit später in den Handel kamen. Durch ein Stereoskop betrachtet, ergeben sie einen intensiven räumlichen Eindruck des jeweiligen Motivs. In Englands Serie ist die untere und mittlere Lahn mit 16 Motiven von Ems bis Weilburg recht gut vertreten. Auch andere Fotografen bereisten im 19. Jahrhundert wiederholt das Lahntal, um stereographische Bilder anzufertigen. Ein besonders beliebtes Motiv war Bad Ems.
Durch den Zugriff auf private Stereo-Sammlungen und Exemplare der eigenen Sammlung ist das Museum im Grafenschloss mittlerweile in der Lage, ein lange geplantes Projekt anzugehen: Jeweils 15 bis 20 Reproduktionen historischer Stereofotos von Orten an der Lahn und eine gleiche Anzahl neuer Stereos der gleichen Ansichten sollen als Paket zum Kauf angeboten werden. Dazu gehört auch ein einfacher Stereobetrachter. Zurzeit werden die neuen Bilder aufgenommen und die Herstellung des Pakets organisiert, sodass es voraussichtlich im nächsten oder übernächsten Jahr angeboten werden kann.
Wie die Gegenüberstellung eines alten und eines neuen Stereofotos aussehen kann, zeigt exemplarisch eine Ansicht der Stadt Runkel von der Schleuse aus gesehen. Das 151 Jahre alte Original von William England gibt eine ziemlich klassische Bildkomposition vor: das schräg von links unten nach rechts in die Bildtiefe führende Wehr, die zu den Häusern leitende Brücke und über den Häusern, monumental und düster, die mittelalterliche Burg. Mit dem Stereoskop betrachtet ist dies alles eine nahezu ideale Verbindung von räumlich wirksamen Motiven in unterschiedlichen Tiefenebenen.
Ähnlich wie auf der Ansicht von Runkel sind auch auf den meisten übrigen historischen Stereofotos mit Motiven von der Lahn die historischen Gebäude und Brücken zu sehen. Wie der Vergleich zeigt, hat sich in diesen Kernbereichen der Dörfer und Städte die alte Struktur meist bis heute erhalten.

 

September 2017

Pyromorphit, „Grünbleierz‟ aus Bad Ems

Zu unserer Mineralienausstellung steuert das Museum Wiesbaden unter anderem zwei prächtige Pyromorphit-Stufen aus seinen Magazinbeständen bei. Es handelt sich um Stücke aus einer Bad Emser Grube, die möglicherweise schon in der Zeit des Herzogtums Nassau nach Wiesbaden gelangt sind.
In der Emser Region wurde vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert reger Bergbau auf die Blei- und Zinkerze des „Emser Gangzugs‟ betrieben, deren Nebenprodukt das für die Münzherstellung bedeutende Silber war. An der Metallgewinnung vorbei gelangten nur wenige, ausgesucht schöne Mineralstufen aus den Gruben in öffentlichen oder privaten Besitz. Dazu gehörten spektakuläre Exponate des Bleiphosphats Pyromorphit. Dieses Mineral kann in unterschiedlichen Farben und Formen vorkommen: braun, bläulich, gelblich, grün, nadelförmig, kugelig oder säulig. Unter Sammlern besonders begehrt ist die Form des „Grün- und Braunbleierzes‟ mit sechskantigen Kristallen. Im Emser Gangzug kamen leicht bauchige, oft gebogene Kristalle der grünlichen Variante vor, die wegen ihres Aussehens als „Emser Tönnchen‟ bekannt wurden. Das ausgestellte Stück gehört zu dieser Erscheinungsform.
Bleiminerale, wie Pyromorphit, Galenit oder Anglesit, sind oft als Kristallstufen in Sammlungen ästhetisch sehr ansprechend. Beim Abbau, der Aufbereitung und Verhüttung aber führten sie in der Vergangenheit zu mitunter beträchtlichen Umweltschäden. Ursache ist das giftige Blei selbst, aber auch die frei werdenden Schwefel- und Chloranteile der Verbindungen, außerdem Beimengungen weiterer, giftiger Schwermetalle. Nicht zuletzt aus diesen Gründen wurde die Förderung und Primärverhüttung von Bleierz in Deutschland weitgehend aufgegeben. Die Bad Emser Gruben liegen schon seit 1945 still, so dass wohl keine weiteren „Emser Tönnchen‟ in der alten Qualität mehr ans Tageslicht kommen werden.

 

April 2017

Kolorierte Daguerreotypie: Porträt des Fr. A. Gottschalk, um 1850

Im Magazin der Museumssammlung lässt sich immer noch die eine oder andere kleine Überraschung finden. So beherbergte ein beschrifteter Karton mit Zinnsoldaten und Brillen neben dem Erwarteten auch eine kleine Daguerreotypie: ein Porträtbild, hergestellt nach einem der beiden ältesten, 1839 erfundenen fotografischen Verfahren. Wie seinerzeit üblich, wurde das Bildnis in die rechte Seite eines lederbezogenen, mit einem Stoffkissen ausgepolsterten Klappetuis eingepasst. Darin ist es licht- und stoßgeschützt geborgen und konnte ausgewählten Betrachtern als kostbares Kleinod präsentiert werden.
Im Ovalausschnitt eines goldfarbenen Passepartouts sieht man frontal die Halbfigur eines wohlgenährten Mannes im Mittfünfzigeralter. Er trägt dunklen Gehrock, Frack und Querbinder zu hellem Hemd. Mit dieser bürgerlichen Kleidung, strengem, entschlossenen Blick und sauber gescheitelten, mittellangen Haaren vermittelt er den Eindruck eines Mannes von Rang der ausgehenden Biedermeierzeit. Eine gehobene Stellung ist ohnehin bei fast allen in einer Daguerreotypie Porträtierten vorauszusetzen, denn ein solches Bild konnten sich nur sehr Wohlhabende leisten. Zusätzlichen Aufwand zum komplizierten Daguerreotypieverfahren bedeutete die feine rosafarbige Kolorierung des Gesichts. Hier musste sehr behutsam gearbeitet werden, um die empfindliche Silberamalgamschicht des Bildes nicht zu beschädigen.
Über den Abgebildeten ist außer Namen und Geburtsjahr noch nichts Näheres bekannt. Ein eingeklebtes Papierfähnchen mit dem Schriftzug „F. A. Gottschalk. Geboren 1795.‟ gibt immerhin einen klaren Anhaltspunkt. Es wird noch einiger Nachforschungen bedürfen, um an weitere Informationen zur Person Gottschalks zu gelangen. Vielleicht trägt die Veröffentlichung des Fundes dazu bei.

 

März 2016

„Lichtra‟ – ein elektrifiziertes Wissensspiel, um 1930

Nach 1900 begann die Elektrizität, immer weitere Gebiete des Alltaglebens zu erobern. Auch in die Welt der Kinder- und Gesellschaftsspiele hielt sie bald Einzug. Zu den frühen Beispielen dafür gehört ein 1910 der Öffentlichkeit vorgestelltes, über viele Jahre hinweg erfolgreiches Wissensspiel mit dem Namen Lichtra.
Es besteht aus einer Klappschachtel, auf dessen Einlegeplatte eine kleine Glühlampe und 40 wie Druckknöpfe aussehende elektrische Kontakte montiert sind. Dazu gehören zwei Kabel mit Steckern und mehrere Serien von starken, in der Anordnung der Kontaktknöpfe gelochten Blättern zum Auflegen. Auf der linken Seite der Blätter steht bei jedem Loch eine Frage und irgendwo auf der rechten die passende Antwort. Zum Überprüfen der Zusammengehörigkeit müssen die Kontakte von Frage und Antwort gleichzeitig mit den Steckern berührt werden. Stimmt die Antwort, dann schließt sich ein Stromkreis von der Batterie zur Lampe und diese leuchtet auf.
In Bezug auf die Inhalte der Fragen und auf die Verwendung eines elektrischen Stromkreises ist Lichtra ein rationales und modernes Spiel. Aber die elektrischen Leitungen sind versteckt, so dass unbefangene Spieler mehr dahinter vermuten könnten als eine einfache Drahtverbindung. Dementsprechend wird es auf dem Deckelbild mithilfe stereotyper Orientmotive als Zauberei präsentiert: Im Hintergrund sieht man Türme mit Zwiebeldächern und eine Moschee, vorn einen Stein mit unleserlichen Schriftzeichen und einen weißbärtigen Derwisch der mit einer Armbewegung aus großer Ferne eine Lampe hervorzaubert. Es sind damals gängige Vorstellungen vom märchenhaften, fremden Orient, die dazu herhalten mussten, Lichtra als Zauberspiel zu inszenieren.
Das Spiel ist eine kürzlich erworbene Schenkung. Wie einige weitere Gegenstände, stammt es aus dem Haushalt der Freiendiezer Lehrerfamilie Mohr.

 

September 2015

Poesiealbum des Architekten C.C.W. Sckell, 1773

Die kürzlich angenommene Schenkung eines in Diez aufgefundenen, prächtigen Poesiealbums der Rokokozeit gibt vorläufig noch einige Rätsel auf.
Es geht um ein querformatiges Buch mit 450 nummerierten Seiten und einem kurzen Verzeichnis der Einträge. In Lederdecken mit vergoldeten Ornamenten eingebunden, trägt es auf der Einbandmitte die Initialen C.C.W.S. Nach einem wild marmorierten Vorsatz und einem leeren Zwischenblatt folgt ein reich bemaltes Deckblatt, das Auskunft über den Eigentümer gibt. Inmitten eines barocken Schlossaales sieht man darauf Pallas Athene als Schirmherrin der Künste und Wissenschaften, umgeben von Winkel, Zirkel, Maßstab, Bücher, Palette und Globus als Symbolen für ihre Fachdisziplinen. Mit der rechten Hand weist sie auf eine von einem üppigen Zierrahmen („Kartusche‟) umgebene Schrifttafel. Deren Inschrift lautet: „Dem Schätzbaren Andencken Seiner hoch und werthgeschätzten Gönner und Freunden weyhet diese Blätter C.C.W. Sckell, der Baukunst und Matem. Befl. aus Dillenburg – Gießen 1773‟.
Es ist anzunehmen, dass C.C.W. Sckell Mitglied der großen Sckell-Familie war, die über Jahrhunderte hinweg eine ganze Reihe von einflussreichen Architekten und Gartenarchitekten hervorgebracht hat, darunter Clarus Friedrich Ludwig Sckell (1750-1823), den Architekten u.a. des Englischen Gartens in München und des Oraniensteiner Schlossgartens. Der Jahreszahl des Albums zufolge war er ein Zeitgenosse des noch rätselhaften C.C.W.
Die Seiten des Buchblocks enthalten in lockerer Folge die in Poesiealben üblichen tugendsamen Mahnungen, Reime und Abschiedsgrüße in deutscher, lateinischer und französischer Sprache, abgefasst zumeist in Gießen von Professoren und Studenten. Daraus wird deutlich, dass Sckell in den Jahren um 1773 Student war.

 

Oktober 2012

Ballonhülle von dem 1910 bei Weilburg zerstörten Zeppelin Z II

Nachdem Graf Zeppelin als Motor des deutschen Luftschiffbaus zwischen 1900 und 1906 bewiesen hatte, dass das Luftschiff ein brauchbares Transportmittel sein kann, begann sich auch das Militär für das neue Fahrzeug zu interessieren. Bereits das dritte Luftschiff Zeppelins, LZ 3, wurde 1908 vom Heer angekauft und erfolgreich erprobt. Das übernächste Exemplar, LZ 5, wurde im Jahr 1909 als zweiter militärischer Zeppelin mit dem Namen Z II vom Heer übernommen.

Am 22. April 1910 begleitete Z II eine Militärparade in Bad Homburg, an der auch der Kaiser teilnahm. Auf der Rückfahrt mit dem Ziel Köln wurde er vom Wind ins Lahntal getrieben, gelangte bis über Diez und drehte ab, um wegen starken Windes und Gasverlustes bei Blumenrod notzulanden.
Auf seinem stürmischen Landeplatz konnte er aber nur schlecht verankert werden. Am nächsten Mittag wurde der Zeppelin durch einen plötzlichen Sturm losgerissen, schnell lahnaufwärts weggetrieben und zerschellte nach nur rund zehnminütiger Irrfahrt irreparabel am Webersberg bei Weilburg. Noch bevor Soldaten der Diezer 160er Garnison per Sonderzug zum Schauplatz des Unglücks gelangten, um diesen zu sichern, waren Scharen von Schaulustigen angekommen und begannen, Fetzen der Ballonhaut und Teile des Aluminiumgerippes als Andenken herauszureißen. Auch drei Angehörige der Diezer Familie Baltzer fuhren hin, um sich ein Stück der imprägnierten Leinwand zu sichern. Möglicherweise brachte ihnen der Besitz eines eigenen Automobils den entscheidenden Zeitvorteil gegenüber den Sicherungsmannschaften, denn die Trophäenjagd war erfolgreich: Den drei Schaulustigen gelang es, ein kleines Stück von der gigantischen Zeppelinhaut zu ergattern, welches dann sorgfältig zugeschnitten und mit den wichtigsten Daten des Ereignisses beschriftet wurde: Den Namen der drei Ausflügler G., Emil und Lisbeth Baltzer, dem Datum und den Angaben zur letzten Reise des Zeppelins am 25. April 1910.

 

Juni 2011

Doppelporträt des Herzogspaars Adolph und Adelheid von Nassau als Gipsrelief, um 1890

Nach dem Krieg, den das Herzogtum Nassau 1866 als Teil des Deut-schen Bundes an der Seite Österreichs gegen Preußen führte und verlor, wurde das Herzogtum von Preußen annektiert. Herzog Adolph schied daraufhin aus dem Amt, doch blieben seine Bindungen an das Nassauer Land erhalten. Er konnte vier seiner Schlösser behalten, die er mit seiner zweiten Frau Adelheid in den folgenden Jahren immer wieder besuchte, um dabei alte Kontakte zu pflegen. Die gelegentlichen Besuche in seinem ehemaligen Herzogtum setzte er auch fort, nachdem er 1890 Großherzog von Luxemburg geworden war.
Dabei verstand er es, mit kleinen Geschenken an ehemalige Bedienstete, Beamte, Militärs oder Personen des öffentlichen Lebens, die Erinnerung an seine vergangene Regentschaft lebendig zu halten. Solche Geschenke waren meist signierte Porträts Adolphs oder des Herzogspaars als Foto oder Kunstdruck, außerdem Medaillen, Urkun-den, Orden und Porträts in Form kleiner Reliefs. Ein Teil dieser Her-zogs-Devotionalien wurde offenbar auch über den Kunsthandel vertrieben und fand Eingang in so manche gründerzeitliche Bürgerwohnung im Nassauer Land. Sie sind noch heute leicht zu bekommen. Ihre Verbreitung schlägt sich auch in der beträchtlichen Zahl solcher Erinnerungsstücke in der Diezer Sammlung nieder. Dazu gehört ein hinter Glas gefasstes Doppelporträt Adolphs und Adelheids als Gipsrelief, montiert auf schwarzem Samt im schwarzen Medaillonrahmen. Die Machart der Rahmung mit Blechdeckeln, Schrauben und fehlerfreiem Uhrglas deutet auf eine späte Entstehungszeit des Reliefs um 1890 hin.

 

Oktober 2010

Gästebuch der Familie Pfeiffer / Fuchs, 1906-1944

Das in rotes Leder eingebundene, mit Goldschnittkante versehene Gästebuch der Diezer Familie Pfeiffer, später Fuchs – bis heute im Familienbesitz – verzeichnet die Besuche im Wohnhaus in der Wilhelmstraße vom September 1906 bis zum Mai 1944. Die zahlreichen Einträge der Gäste entstanden zumeist bei der Gelegenheit geselliger und bisweilen feucht-fröhlicher Festlichkeiten, Tee- und Abendgesellschaften und anderen privaten Zusammenkünften im gediegenen, feierlichen Rahmen. Unter den Gästen befanden sich durchweg Angehörige der bekannten Diezer Bürgerfamilien, aber immer wieder auch Auswärtige: Schauspielerinnen, Maler, Militärs, Journalisten, Kunsthändler und Schriftsteller, darunter auch Besucher aus dem Ausland.
Was im Buch hinterlassen wurde, ist ziemlich vielseitig. Im einfachsten Falle waren es bloße Autogramme. Doch finden sich auch umfangreiche Danksagungen, Trinksprüche und Lieder, meist als Lobreden oder Lobgesänge auf Kochkunst und Gastfreundschaft des Hauses. Weitere Einträge enthalten anlassbezogene Literaturzitate und tagespolitische Anspielungen. Eine Besonderheit unter den vielen Möglichkeiten, sich im Gästebuch zu verewigen, bildet eine kleine Zahl von Karikaturen. Sie stammen überwiegend von einem durch Robert Heck eingeführten Gast, dem Triester Maler Adolfo Levier. Levier, den Heck im Jahr 1906 in Rom kennengelernt hatte, kam in den folgenden Jahren mehrfach zu Besuch nach Diez und malte dort auch Portraits aus dem Kreis der Gäste des Hauses Pfeiffer. Ganz in der Rolle des Künstlers nutzte er die Aufforderung zur Unterschrift, um mit knappen, aber treffenden Strichen oder Pinselzügen einige der Anwesenden zu karikieren. Leviers Karikaturen tragen sehr zur Bereicherung des Gästebuchs bei, denn sie vermitteln einen deutlichen visuellen Eindruck davon, wie man sich die Teilnehmer dieser privaten großbürgerlichen Zusammenkünfte in Kleidung und Habitus vorzustellen hat.

 

August 2010

Merowingischer Kreuzanhänger, 6. bis 7. Jahrhundert

Bei Schachtarbeiten im Diezer Stadtgebiet wurde 1959 in einer Brandschicht ein unscheinbares Kreuz aus Bronze gefunden. Durch Hitzeeinwirkung sind die Arme des Kreuzes leicht verbogen. Wie aus einer Öse am oberen Ende zu sehen ist, wurde es wohl als Anhänger an einem Halsband oder einer Halskette getragen. Reste einer ehemals vollständigen Vergoldung lassen den Schluss zu, dass der Kreuzanhänger zu seiner Zeit ein wertvolles Schmuckstück war.
Seine Gestaltung wirkt aus heutiger Sicht etwas seltsam für ein christliches Kreuz: Die etwa gleichlangen, im Querschnitt halbrunden Arme sind mit eingeschnittenen Querrillen verziert und enden in grotesken Tierkopfmotiven. Es handelt sich um vier jeweils gleiche, flache Tierköpfe mit großen Augen, Augenbrauen, flacher Nase mit großen Nüstern und einem froschartigen Maul. Hinter den Augen sind Haare in Form von Längsrillen angedeutet. Eine solche „zoomorphe“ Dekoration ist für die Zeit der Entstehung des Kreuzes nicht ungewöhnlich. An vielen anderen Schmuckstücken des 6. bis 7. Jahrhunderts findet man eine ähnliche dekorative Gestaltung, so dass sich auch dieses Exemplar grob jener Zeit zuordnen lässt. Damals spielte sich die Christianisierung der fränkischen Stämme ab, eine Phase, in der heidnische Vorstellungen und Bräuche allmählich vom Christentum verdrängt oder in christliche Ausdrucksformen integriert wurden. Auch künstlerische Dekorationsmotive heidnischen Ursprungs wie die Tierköpfe wurden auf diesem Weg unverändert in christliche Darstellungen übernommen.
Der Diezer Kreuzanhänger ist das in weitem Umkreis früheste erhaltene christliche Kreuz. Er ist seit einigen jahren als Dauerleihgabe im Limburger Diözesanmuseum ausgestellt und dort eines der ältesten Exponate.