Objekt des Monats

 

Objekt des Monats

Als „Objekt des Monats“ werden bisher nicht in Ausstellungen berücksichtigte Gegenstände oder Dokumente aus dem Stadtarchiv, dem Museumsmagazin oder aus Privatbesitz vorübergehend im Museum gezeigt.
Falls Sie einen Vorschlag für ein zukünftiges Objekt haben, melden Sie sich bitte einfach telefonisch im Museum unter 06432-507467 oder über die Emailadresse leitung@museumdiez.de.

Texte, falls nicht anders ausgewiesen, von Alfred Meurer.

 

Oktober bis Dezember 2019
Zierformen von einem Fenstergiebel des Diezer Rathauses, verm. 1890er Jahre
Die im mittleren 19. Jahrhundert aufkommende Architektur des Historismus war in erster Linie Fassadenkunst. Je nach Geschmack konnten die Bauherren sich aussuchen, welchen Stil vergangener Architekturepochen sie an ihrem Haus wieder aufleben lassen wollten: Romanik, Gotik, Renaissance, Barock, Rokoko oder den gerade erst vergangenen Klassizismus. Da es ums Dekorative und Repräsentative ging, war es auch möglich, die historischen Stile zu mischen oder den einzelnen Sei¬ten des Hauses jeweils unterschiedliche Stile zuzuweisen.
Das heutige Diezer Rathaus, ein von der Baustoffhandlung Baltzer als Bürogebäude errichteter großbürgerlicher Bau des späten 19. Jahrhunderts, hat eine klar gegliederte neoklassizistische Fassade. Zu den prägenden Elementen gehören der wie bei einem Schlösschen leicht vorspringende Mittelrisalit mit eigenem Giebel und mehrere Typen in Putz und Stuck ausgeführter Fensterumrandungen. Im ersten Obergeschoss sind die Fensterstürze von kleinen Giebeln bekrönt, die auf beiden Seiten aus statischen Gründen von geschwungenen kleinen Konsolen gestützt sind – so scheint es zumindest. Denn ein Blick auf alte, bei früheren Sanierungsarbeiten ausgetauschte Exemplare der Konsolen zeigt, dass sie nur hohle Gipsformen sind. Sie können nichts tragen und geben damit Auskunft darüber, wie historistische Gebäudefassaden hergestellt wurden: Der plastische Fassadenschmuck ist meist nur angehängt oder in Putz und Stuck aufgetragen. Selbst größere Elemente, wie die Konsolen unter dem Balkon des Rathauses, tragen nichts. Sie sind nur bemalte Blech- oder Stuckverkleidungen zum Verdecken der aus dem Mauerwerk herausragenden Eisenträger. Derartige Schmuckelemente wurden industriell vorgefertigt und konnten, etwa bei der Baustoffhandlung Baltzer, über Musterkataloge bestellt und für die zu gestaltenden Gebäude passend zusammengestellt werden.
Die kleinen Gipsvoluten sind eine Ergänzung der Anfang Oktober eröffneten Sonderausstellung über die Entwicklung der Diezer Wohnbebauung. Deswegen läuft die Ausstellung dieses Objekts ebenfalls bis zum 20. Dezember.