Sonderausstellung „Die Geschichte der Diezer Vereine“

Verlängerung der Sonderausstellung zur Geschichte der Vereine in und um Diez bis Mitte Mai 2021

Nach Rücksprache mit den Leihgebern halten wir uns die Möglichkeit offen, die derzeit vorübergehend geschlossene Ausstellung bis in die zweite Maiwoche 2021 zu verlängern.

Ob dies so kommen wird, ist von den dann geltenden Corona-Regelungen abhängig. Wenn es die Umstände zulassen, möchten wir die Sonderausstellung mit einer Finissage abschließen, um doch noch die Möglichkeit zu einem themenbezogenen Vortrag mit anschließender Diskussion bei einem Glas Wein zu ermöglichen.

Den Termin für die Abschlussveranstaltung werden wir rechtzeitig bekanntgeben.

 

Hier eine inhaltliche Zusammenfassung der Ausstellung:

 

„Die Geschichte der Diezer Vereine – ein Rückblick in Bildern, Objekten und Dokumenten“

 

 

Anstatt einer Eröffnungsansprache

 

Was ist ein Verein?

 

Die Frühzeit des Vereinswesens

Der Verein im heutigen Sinne hat noch keine lange Geschichte. Sie beginnt in den Jahren um 1800. In dieser Zeit entstanden lose patriotische Vereinigungen mit dem Ziel, die französische Vorherrschaft loszuwerden und einen einheitlichen Staat zu gründen. Nach dem Ende der Ära Napoleons und der anschließenden politischen Neuordnung in den deutschen Ländern aber wurden politische Vereinsaktivitäten unterdrückt, da ihre national-patriotische Ausrichtung die kleinstaatliche Ordnung in Deutschland in Frage stellte. Versammlungen, die über den privaten Rahmen hinausgingen, erforderten nun eine behördliche Genehmigung und durften auf keinen Fall politischen Charakter haben. Debattierklubs und politische Gesellschaften wurden verboten. So setzte sich zum Betonen des Unpolitischen in dieser Situation der unverdächtige, nüchterne Begriff „Verein“ als Bezeichnung für den freiwilligen, organisierten Zusammenschluss mehrerer Personen durch.
Dennoch waren die Vereine dieser Zeit nicht völlig unpolitisch. Sie konnten es selbst bei unpolitischen Zielsetzungen nicht sein, denn das Zusammenwirken mehrerer Personen war per se eine politische Tätigkeit, die von der Obrigkeit mit Argwohn betrachtet und möglichst genau kontrolliert wurde. Das Politische lag schon in der mehr oder weniger demokratischen Struktur der Vereine. Ihre Amtsträger wurden auf Zeit gewählt und konnten abgewählt werden. Dies war, wenn auch nur auf unterster, nicht-staatlicher Ebene, ein klares Gegenmodell zur monarchisch-aristokratischen Herrschaftsform der deutschen Kleinstaaten. Die Funktionsfähigkeit dieses demokratischen Modells bewies im Kleinen, dass Zusammenschlüsse von Menschen auch ohne die vorgeblich gottgegebene Organisationsform der erblichen Aristokratie funktionieren konnten.

 

Die Frühzeit der Vereine im Herzogtum Nassau und in Diez

 

Feuerwehren

 

Die Entwicklung des Vereinswesens seit Ende des Herzogtums Nassau

Das Herzogtum Nassau hatte den Beginn des Vereinswesens im modernen Sinn gebracht. Sein Vermächtnis im Jahr 1866 war eine Reihe von nicht-politischen Vereinen, die verschiedene Hauptgattungen des Vereinswesens repräsentieren.
Angesichts der für das Vereinswesen wenig förderlichen damaligen Rahmenbedingungen lässt dies auf einen ausgeprägten Gemeinsinn schließen.
Mit Beginn der preußischen Herrschaft setzte sich dieser Zustand weitgehend unverändert fort und es blieb bei einer Größenordnung von rund 40 Vereinen in Diez und der näheren Umgebung.
Nach der Reichsgründung von 1871 jedoch geriet das Vereinswesen in starke Bewegung. Der noch im Herzogtum Nassau konsequent unterdrückte Nationalismus war plötzlich zur staatstragenden politischen Idee geworden und wurde nach Kräften gefördert. In diesem Klima entstanden auch in Diez nicht nur der Kriegerverein der Kämpfer von 1870/71, sondern eine ganze Reihe von vaterländischen Fürsorge-, Gesellschafts-, Frauen- und Bildungsvereinen bis hin zu politischen Vereinigungen wie dem Nationalliberalen Wahlverein.
Die schnelle wirtschaftliche Belebung und die Herausbildung einer großbürgerlichen Schicht von Fabrikanten, höheren Militärs, Beamten, Händlern und Unternehmern in Diez führte auch zu einem neuen Maß an gesellschaftlichem Repräsentations- und Kommunikationsbedürfnis und zum Wunsch nach gemeinschaftlicher Freizeitgestaltung. Dies alles wurde in ganz wesentlichem Maß durch Vereine organisiert. Auch die weniger begüterten Schichten organisierten sich entsprechend ihren sozialen und ökonomischen Interessen, ebenso einzelne Berufs- und Interessengruppen. Die Jahre zwischen den 1880er Jahren und dem Beginn des Ersten Weltkriegs waren eine Blütezeit des Vereinswesens, deren Niveau später möglicherweise wieder erreicht, aber nie wieder übertroffen werden sollte.

 

Tradition

 

Fahnen und Uniformen

 

Nassauischer Altertumsverein / Museums- und Geschichtsverein

Einer der ältesten deutschen Vereine ist der Verein für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung. Er wurde mit ausdrücklicher Genehmigung des damaligen Nassauischen Herrscherdoppels, Herzog Friedrich August und Fürst Friedrich Wilhelm, Ende des Jahres 1812 in Wiesbaden gegründet. Der Verein widmet sich der Geschichte der Nassauischen Gebiete und ist nach wie vor vom klassischen Bildungsbürgertum und von männlichen Mitgliedern geprägt.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden in lockerer Bindung zum Hauptverein sieben Zweigvereine gegründet. Sie verfolgen ihre eigenen, meist regional orientierten Ziele. Am 1. Juni 1907 gründeten Bürgermeister Ernst Scheuern als Vorsitzender, Robert Heck als Schriftführer und Christian Pfeiffer als Kassierer und stellvertretender Vorsitzender die Diezer Ortsgruppe nach dem Vorbild der schon bestehenden Weilburger Filiale. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab sie sich den Namen Museums- und Geschichtsverein für Diez und Umgebung e. V., was eine größere Eigenständigkeit gegenüber Wiesbaden bedeutet.
Eine zentrale Figur der Diezer Ortsgruppe war jahrzehntelang der Privatgelehrte und zeitweilige Bürgermeister Robert Heck (1873-1958). In weit größerem Ausmaß als sein Amt als Schriftführer erkennen lässt, prägte er durch seine intensive Forschungs-, Sammlungs-, Publikations- und Öffentlichkeitsarbeit die inhaltliche Ausrichtung des Vereins. Als er 1921 Bürgermeister wurde, machte er kulturelle und historische Projekte zu festen Bestandteilen seiner Amtsführung.

Auch die Existenz der städtischen Sammlungen, der Stadtbibliothek, des Museums Nassau-Oranien und des Museums im Grafenschloss gehen zumindest teilweise auf das beharrliche Bemühen Hecks um die Förderung des lokalen Geschichtsbewusstseins zurück.
In einigen grundlegenden Vereinsdokumenten sind die Zielsetzungen der Diezer Ortsgruppe des Nassauischen Altertumsvereins formuliert. Zunächst sollte sie möglichst genau nach dem Muster des Wiesbadener Hauptvereins arbeiten.
Nach Wiederaufnahme der durch den Ersten Weltkrieg unterbrochenen Vereinstätigkeit nannte Heck im August 1919 ausdrücklich die zu dieser Zeit wichtigen Beweggründe des gemeinsamen Engagements: „Auch die historischen Vereine müssten dafür eintreten, dass diejenigen in Deutschland die Oberhand gewännen, denen vor allem an geistigen und seelischen Werten gelegen sei. Eine noch weit vornehmere Aufgabe falle aber dem Vereine zu, nämlich in unserem Volke die echte Liebe zum Vaterlande zu erwecken, sein mangelhaft ausgeprägtes Nationalgefühl zu stärken. Dies sei nur dadurch zu erreichen, dass man den Sinn des Volkes auf die grossen Kulturgüter der deutschen Vergangenheit hinlenke.“
Die Vereinsarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist vor allem durch den Betrieb zweier Museen geprägt. Sie gewährleisten einen stetigen Kontakt zur Öffentlichkeit und verleihen den Resultaten der lokalhistorischen Forschungs- und Sammlungstätigkeit größte Anschaulichkeit. Die Übernahme des laufenden Betriebs durch die Stadt Diez bzw. die Bundeswehr ermöglichen es dem Museums- und Geschichtsverein sich auf inhaltliche Dinge zu konzentrieren. Seine Aktivitäten bilden dadurch ein lebendiges Begleitprogramm zu den Dauerausstellungen der Museen.

 

Trophäen, Andenken und Ehrengaben

 

Vereine in der NS-Zeit

Nachdem das Vereinswesen von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende der Weimarer Republik eine stetige Weiterentwicklung im Rahmen einer im Großen und Ganzen voranschreitenden Liberalisierung der Gesellschaft erfahren hatte, kam es 1933 zum abrupten Bruch dieser Entwicklung. Die NS-Diktatur begann sehr bald eine schärfere Kontrolle auf das Vereinswesen auszuüben, als dies je zuvor der Fall gewesen war.
Im Rahmen der „Gleichschaltung“ der Länder, Kommunen und Verbände wurden in den ersten Monaten der Diktatur sämtliche Vereine der formalen Aufsicht staatlicher Stellen entzogen und der politischen Aufsicht der NSDAP unterstellt. Politische Vereine wurden verboten oder in NS-Organisationen eingegliedert.
Die unpolitischen Vereine konnten, sofern sie nicht in irgendeiner Hinsicht dem nationalsozialistischen Weltbild widersprachen oder den Interessen der Machthaber zuwiderliefen, weiter existieren. Aber ihr Handlungsrahmen war eng umrissen. Für jede Versammlung und öffentliche Veranstaltung musste eine Genehmigung eingeholt werden. Sie konnte ohne Widerspruchsmöglichkeit willkürlich verweigert und jederzeit widerrufen werden. Bei Terminkollisionen mit Veranstaltungen von Parteiorganisationen wurde diesen automatisch der Vorrang eingeräumt.
Während das Leben der traditionellen Vereine empfindlich beschränkt wurde, entwickelte die NS-Diktatur selbst ein reges Vereinsleben in fast allen Gattungen. Dies folgte aus dem Bemühen, möglichst tief in das persönliche Leben der „Volksgenossen“ einzugreifen und dieses zu kontrollieren und zu steuern. So bot beispielsweise die Organisation „Kraft durch Freude“ in den Friedensjahren der Diktatur ein umfassendes Programm zur Freizeit- und Urlaubsgestaltung. Auch wenn die KDF formal kein Verein war, so gingen in ihr zahlreiche ehemals selbständige Freizeit-, Sport- und Sozialvereine auf, denen die Existenzgrundlage entzogen wurde.

 

Politische Parteien

 

Fußballvereine

Die Anfänge des modernen Fußballspiels liegen in England, wo seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in studentischen und bürgerlichen Kreisen als Abwandlung des Rugbyspiels allmählich die Grundzüge der heutigen Fußballregeln ausgearbeitet wurden.
Bereits in den 1860er Jahren wurde der Fußball durch englische Studenten in der Schweiz eingeführt. Die ersten Fußballspiele in Deutschland führte ab 1874 der Braunschweiger Lehrer Konrad Koch durch. Über lange Jahre hinweg aber konnte sich das neue Spiel als Form der Leibesertüchtigung nicht gegen das traditionsreichere Turnen durchsetzen und blieb eine Randsportart für Begüterte. Um 1900 kam es zu einer ersten Gründungswelle von Fußballvereinen in Deutschland, die den Weg zu überregionalen Organisationsstrukturen und zur Entwicklung des Fußballs zum Massensport vorbereitete. Auch der DFB entstand im Jahr 1900.
Der damals noch großbürgerliche Charakter der neuen Sportart ging mit der Zeit verloren, hinterließ aber noch einige latinisierte Beinamen wie Borussia, Alemannia und Arminia, die sich an die Bezeichnung von Studentenverbindungen anlehnen. Die Wende zum Breitensport erlebte der Fußball aber erst nach dem Ersten Weltkrieg. Wiederum waren es Engländer, zuerst Kriegsgefangene, später Besatzungssoldaten und Studenten, die den Sport neu belebten. Seit dieser Zeit blieb das Fußballspiel in Deutschland wie auch im restlichen Europa populär und erlebt bis heute stetigen Zulauf.

Die Fußballvereine der Diezer Umgebung spiegeln die allgemeine Entwicklung recht gut wider. Einige von ihnen wurden nach dem Ersten Weltkrieg gegründet oder gingen aus schon lange bestehenden Turn- und Sportvereinen hervor.